Ines Geipel am 7. November 2025 zu Gast im Keltensaal
Ines Geipel: Keine Freiheit ohne Demokratie. Deutschland im Jahr 35 seiner Einheit

Aufgewachsen in Dresden gehörte sie jahrelang zur Spitze der DDR-Sprinterinnen, wurde 1985 aber aufgrund eines Fluchtversuchs aus der Mannschaft geworfen und gesperrt.
Im Sommer 1989 gelang ihr über Ungarn die Flucht in den Westen. In ihrem neuesten von der Kritik hochgelobten und für den Deutschen Sachbuchpreis 2025 nominierten Buch „Fabelland“ analysiert sie den Zustand der Demokratie in Deutschland, beschäftigt sich aber auch ausführlich, mit der Frage weshalb die anfängliche Euphorie über die Wiedervereinigung im Osten relativ schnell in Kritik und Verdruss mündete.
Das Buch „Fabelland. Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück“ von Ines Geipel ist eine nachdenkliche, literarisch anspruchsvolle Analyse der deutschen Wiedervereinigung und ihrer Nachwirkungen, insbesondere aus ostdeutscher Perspektive. Das Buch war nominiert für den deutschen Sachbuchpreis. Grund genug für die Asperger Grünen, Frau Prof. Geipel zu einer Lesung/Diskussion einzuladen. Schließlich feiern wir die deutsche Wiedervereinigung zum 35. mal. Und doch ist nicht alles gut in der Beziehung zwischen den „alten“ Bundesländern und den „neuen“ Bundesländern. Manchmal erscheint es so, dass es wieder mehr trennendes gibt. Woran liegt das?


Im Zentrum des Buches stehen die Ereignisse rund um den Mauerfall 1989, die darauf folgenden Hoffnungen und die Transformation Ostdeutschlands. Geipel verbindet persönliche Erinnerungen, ihre Familiengeschichte und erlebte Zeitgeschichte mit historischen und soziologischen Studien. Sie reflektiert, wie in Ost und West die Wiedervereinigung erzählt wird und analysiert, warum bei vielen Ostdeutschen immer noch das Gefühl besteht, Bürger zweiter Klasse zu sein. Dabei fragt sie, woher der Zorn und die Verleugnung im aktuellen gesellschaftlichen Zustand stammt und ob die Deutschen ihr historisches Glück verspielen könnten.
Das Buch ist eine Mischung aus persönlichem Bericht, historischer Dokumentation und politischer Analyse. Geipel arbeitet faktenbasiert, bleibt jedoch essayistisch und nutzt eine sehr individuelle Sprache, um neue Fragen zu eröffnen und Emotionen greifbar zu machen. Sie hinterfragt Legenden und Mythen rund um die DDR, weist auf die Retraumatisierung von Menschen hin und kritisiert politisch motivierte Umschreibungen der Geschichte. Die Kluft zwischen Ost und West wird differenziert dargestellt und mit Beispielen aus der eigenen Biographie unterfüttert.
Ines Geipel sucht aber im Keltensaal bald den Kontakt zu den Zuhörerinnen und Zuhörern. Sie will von uns wissen, wie wir die Wiedervereinigung erlebt haben und wie in Asperg (und unter den Gästen) das historische Glück eingeordnet worden ist. So entsteht eine muntere Diskussion mit vielen – auch sehr persönlichen – Beiträgen zur deutsch-deutschenGeschichte.
Dabei bestand Einigkeit, dass wir die jungen Menschen, die erst nach der Wiedervereinigung geboren sind, mehr über die Geschichte unterrichten müssen, dass mehr persönliche Erzählungen notwendig sind, damit kein falsches Narrativ entsteht.


Ein interessanter Abend mit Zentralen Botschaften:
• Die deutsche Wiedervereinigung war ein historischer Glücksfall, dessen Erzählung sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat und oft von Legenden und politischer Umschreibung geprägt ist.
• Geipel plädiert für einen differenzierten, ehrlichen Umgang mit der DDR-Vergangenheit sowie den Traumata und Herausforderungen der ostdeutschen Transformation.
• Sie warnen davor, dass Schuldverdrängung und Verharmlosung den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden und zur Anfälligkeit für rechtspopulistische Parolen führen können.


Vielen Dank an Ines Geipel und alle Zuhörerinnen und Zuhörer, die sich mit ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen eingebracht haben. Wir werden weiter daran arbeiten, dass dieser historische Glücksfall auch als solcher wahrgenommen wird.